Was für uns ganz selbstverständlich ist ...

Was für uns ganz selbstverständlich ist


... ist für unsere Kleinen oft eine Überwindung, ein großer Kraftakt oder auch ein tolles Aha-Erlebnis. 

 

 

 

So hab ich es selbst ganz bewusst vor einigen Tagen erlebt, als ich mit meinem kleinen Buddha spazierenging, den Kinderwagen schiebend, während er an der Hand neben mir her tappste, sich ständig bückte und hinhockte um alles ganz genau inspizieren zu können, alles anzufassen, zu beobachten und einfach alles anzulachen. Natürlich kamen wir so nur meeegaaaaschleppend voran (5 m in 10 Minuten oder so), aber das war egal, die Sonne schien, wir hatten Zeit und es war einfach nur toll ihm bei allem zuzusehen und alles nochmal durch seine Augen zu sehen. 

Wir kamen auch an einer Wiese vorbei, die über und über mit Blumen bedeckt war. Er hüpfte vor Freude auf und ab und hätte am liebsten alle Blumen in seine Arme geschlossen. Doch als er merkte dass das nicht ging begnügte er sich damit, seine Konzentration auf eine einzige Blume zu fokussieren. Besser - auf ein Blatt dieser Blume, das noch recht fest in der Erde verhakt war. Aber das interessierte ihn überhaupt nicht. Erst zaghaft, dann immer energischer, ruckte und zog er an diesem Blatt, sein Mündchen pustete vor Anstrengung komische Laute heraus und seine Augen ließen nicht vom Blatt ab. Er ließ sich durch nichts ablenken, weder durch einen Vogel, der neugierig in seine Nähe kam, noch durch einen bellenden Hund, der mit seinem Herrchen Gassi ging. 

Ich ließ ihn einfach machen. Aus Erfahrung weiß ich mittlerweile dass er in solchen Situationen meine Hilfe nicht möchte - noch nicht, im Gegenteil, dann wird er richtig fuchsig. Logisch, immerhin versage ich ihm dadurch schließlich das Erfolgserlebnis etwas selbst geschafft zu haben. Da wäre ich auch wütend - kann ich durchaus nachvollziehen, ich bin selbst auch manchmal ganz schön zickig wenn mein  Mann mir ungefragt hilft obwohl ich es gerade auf Biegen und Brechen selbst versuche und mir immer sage "du schaffst das", dann kommt mein  Mann, nimmt es mir ab, macht es (z. B. ein Glas Bohnen auf, das trotz Klopfen und auf den Kopf stellen sich einfach querstellt und es mir schwer macht) selbst und dann werd ich auch manchmal zickig, denn ich weiß egal wie lang es gedauert hätte und was ich noch hätte veranstalten müssen, irgendwann hätte ich gewonnen (und wenn nicht dann frage ich meinen Mann halt), aber durch seine ungefragte Hilfe nimmt er mir dieses Hochgefühl dann. So kann ich durchaus nachempfinden was mein kleiner Buddha empfindet wenn er etwas versucht und versucht und ich ihm ungefragt helfe. Das heißt nicht dass ich ihm bei gar nichts helfe, natürlich helfe ich ihm oft, manchmal auch tatsächlich ungefragt, aber dann eher um ihn zu schützen damit er z. B. nicht vom Stuhl fällt etc. Aber in anderen Situationen warte ich tatsächlich so lange bis er selbst zu mir kommt und mich in seiner Babysprache - und auch Gebärdensprache - um Hilfe bittet. Diese wird dann auch dankbar angenommen.

Aber zurück zum kleinen Buddha und dem Blatt ... er versuchte es selbst. Immer und immer wieder. Und irgendwann - ich habe nicht auf die Uhr gesehen, aber es fühlte sich schon enorm lang an, der Vogel war längst wieder weg und den Hund mit seinem Herrchen hab ich auch schon lange nicht mehr gesehen - hatte er es dann tatsächlich geschafft. Er hielt das Blatt in seiner Hand. Er strahlte bis über beide Ohren und bekam das Grinsen gar nicht mehr aus seinem Gesichtchen raus, seine Augen leuchteten heller als nachts die Sterne und seine Wangen waren rot vor Freude, er hüpfte auf und ab und hielt mir das Blatt ganz stolz hin, sagte "da" und schenkte es mir. Ich war soooo glücklich weil er es geschafft hatte und so stolz war und dabei fiel mir dann eben auf dass es für uns selbstverständlich gewesen wäre, wir hätten das Blatt mit zwei Fingern raus gezogen und fertig, aber für ihn - und für alle kleinen Kinder - war es mit einer enormen Schwierigkeit verbunden, mit einem großen Kraftakt, und zuletzt mit einem noch größeren Hochgefühl. Und ich liebe es ihm dabei zuzusehen und ihn hinterher in den Arm zu nehmen und zu drücken und herzen. 

Nach seiner Errungenschaft hielt sein Interesse an dem Blatt allerdings nicht lange an, er schenkte es mir und damit war es schon fast "vergessen", ein Stein lockte sein Interesse - und den konnte er einfach so aufheben.  






Habt ihr auch schonmal sowas erlebt? Erzählt mir von euren Aha-Erlebnissen eurer Kinder. 

Eure Ally